Vor fast einem Jahr wird Yannick krank. So schwer, dass er wochenlang bettlägerig ist. Am Ende landet er sogar in der Psychiatrie. Der Grund: eine durch Zecken ausgelöste Borreliose. Wie die Krankheit ihm zugesetzt hat, berichtet er im Gespräch mit FOCUS Online.

Richtig gut geht es Yannick D. (anonymisiert, Name der Redaktion bekannt) bis heute nicht. Seit wenigen Wochen ist er aber zumindest wieder arbeitsfähig. Der Verwaltungsangestellte im dritten Ausbildungsjahr war bis vor einem Jahr noch topfit. „Ich hatte ein perfektes, erfülltes Leben“, erinnert sich der 20-Jährige im Gespräch mit FOCUS Online.

Er trainierte viermal die Woche für die Fußball-Landesliga, daneben auch im Fitnessstudio, leistete eine 40-Stunden-Woche, hatte viele Freunde, mit denen er am Wochenende feierte. Dann wurde sein Leben auf den Kopf gestellt. Durch Borreliose wurde er so krank wie noch niemals zuvor und verlor beinahe sein Vertrauen in die Medizin und die Ärzte, wie er sagt.

Borreliose trifft jedes Jahr mehr als 200.000 Deutsche

Borreliose, die mit Abstand am häufigsten durch Zecken übertragene Krankheit, wird in Deutschland pro Jahr mehr als 200.000-mal diagnostiziert, so schätzen Experten. Die auslösenden Bakterien – die Borrelien – können Nerven, Organe und Gelenke schädigen. Die Diagnose ist oft schwierig, die Behandlung langwierig, wobei eine über drei Wochen hinaus gehende Antibiose kontrovers diskutiert wird. Eine Impfung steht nicht zur Verfügung. Nur gegen FSME, also gegen Frühsommer-Meningoenzephalitis, die andere durch Zecken übertragene, aber virale Erkrankung, gibt es eine Schutzimpfung.

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Zwei Wochen nach dem Zeckenbiss begann das Martyrium

Der Horror-Trip wegen der Borreliose begann für Yannick Anfang August 2020. Er bemerkte beim Duschen, dass er auf der Kopfmitte einen kleinen Knubbel hatte. Vor dem Spiegel erkannte er darauf eine Zecke als kleinen schwarzen Punkt. Er dachte sich nichts dabei, kratzte etwas, es blutete, nach zwei Tagen war die Schwellung abgeklungen und das Ganze vergessen.

Doch zwei Wochen später wurde er plötzlich schwer krank. „Es war Wahnsinn. Ich hatte verschiedene Symptome, die mich völlig lahmlegten, ich fühlte mich so krank wie noch niemals zuvor“, erinnert er sich an den Ausbruch der Borreliose.

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Schwindelattacken vergleichbar mit Turbulenzen im Flieger

So konnte er, der früher zwischen den Mahlzeiten auch mal einen Döner verdrückte, plötzlich nichts mehr essen. Er brachte kaum noch drei Bissen runter, dann musste er sich hinlegen, weil ihm so übel war – wie bei einer starken Gehirnerschütterung. „Das Schlimmste waren aber die Schwindelattacken aus dem Nichts“, berichtet der 20-Jährige. Er stand etwa in der Dusche und er fühlte sich plötzlich so, als wenn er in einem Flugzeug starken Turbulenzen ausgesetzt wäre. Die weiteren heftigen Symptome:

  • starkes Bruststechen
  • totale Erschöpfung – „obwohl ich vorher topfit war, konnte ich nicht mal mehr 100 Meter gehen, ohne mich danach hinlegen zu müssen“, sagt Yannick
  • massiver Nachtschweiß, „ich war jede Nacht tropfnass“
  • zeitweise Lähmungen der Arme und Finger
  • immer wieder Muskelzuckungen am ganzen Körper
  • Fieber

Wie es zur Diagnose Borreliose kam

Zuerst versuchte Yannick, das Ganze selbst in den Griff zu bekommen, es war jedoch zu schlimm. Also ging er zum Hausarzt, einer Vertretung. Damit begann für den jungen Mann eine wahre Ärzte-Odyssee. Zuerst wurde Stress in der Berufsschule als Ursache angenommen und Yannick bekam Zink-Tabletten. Als sein Hausarzt wieder da war, versuchte er es nochmals. Der Arzt ließ ein Blutbild anfertigen, das war aber unauffällig. Wieder wurde Stress genannt.

„Letztendlich, es war bereits Ende September, bat ich um einen Borreliose-Antikörpertest, nachdem ich im Internet recherchiert hatte“, schildert Yannick. Zwei Wochen später erreichte ihn der Anruf, er solle in die Praxis kommen. Der Test war positiv, und zwar bei den verschiedenen Antikörpern. „Das war für mich ein Glücksfall, weil der Nachweis meist nicht so eindeutig ist“, erklärt der 20-Jährige. Das klare Testergebnis ist nämlich eher eine Ausnahme, weil falsch-negative und falsch-positive Resultate häufiger der Fall sind. Insgesamt ist Borreliose nur durch die Blutuntersuchung schwer nachzuweisen.

Mit dem Antibiotikum ging es Yannick erst besser, dann wieder schlechter

Der Arzt verschrieb ihm das Antibiotikum Doxycyclin für zwei Wochen. Yannick nahm die Tabletten ein. Die ersten Tage schlug das Medikament auch gut an, danach verschlechterte sich der Zustand wieder. Die Ärzte meinten, das sei eine allergische Reaktion und ersetzen das Antibiotikum durch ein anderes. „Doch ich vermutete eher, dass es sich um eine Herxheimer-Reaktion handelte“, erzählt der junge Mann rückblickend. Das ist eine immunologische Reaktion. Auslöser sind Giftstoffe, die die Bakterien bei ihrem Zerfall freisetzen, wenn sie von den Antibiotika angegriffen werden. Auf diese Giftstoffe kann der Körper mit starken Beschwerden reagieren. Warum kommt Yannick zur Annahme, dass es nicht eine Allergie auf das Medikament war? „Ich nehme seit einiger Zeit wieder Doxycyclin und vertrage es gut, bin also nicht allergisch.“

Hausarzt weist Yannick schließlich in Psychiatrie ein

Die Ersatzantibiotika wirkten jedoch nicht so gut, die Symptome verschlimmerten sich sogar. Der Hausarzt meinte, nach zwei Wochen Antibiotika-Therapie sollte die Borreliose ausgeheilt sein und Yannicks Beschwerden wären nun psychisch bedingt. Er schlug ihm deshalb eine Behandlung in der Psychiatrie vor, wegen Panikstörungen.

Der Kranke willigte in die Einweisung ein, weil es ihm immer schlechter ging und er einfach nichts unversucht lassen wollte, was ihm vielleicht helfen könnte. Er hatte nichts mehr zu verlieren. „Übrigens bin ich nicht der Einzige, der mit Borreliose in der Psychiatrie landete, ich habe durch meine Kontakte einige Betroffene kennengelernt, denen es ähnlich erging“, berichtet er.

Antidepressiva und Psychotherapie helfen nicht

Anfang November verbrachte er zwei Wochen in der Psychiatrie, versuchte alle Angebote dort wahrzunehmen, schluckte Antidepressiva und nahm an den Gesprächsrunden teil – für die er jedoch mit der Zeit zu schwach wurde. Er konnte kaum noch laufen. Er erkannte, „hier bin ich falsch und so entließ ich mich wieder“.

Die Ärzte-Odyssee setzte sich fort. Insgesamt sammelte er dabei 26 verschiedene Diagnosen, von psychischen Problemen wie einer Panikstörung bis zu HWS oder chronischer Migräne, obwohl er gar keine Kopfschmerzen hatte. Ein großer Halt war und ist seine Freundin, die Yannick einen Tag vor Ausbruch der Borreliose kennengelernt hatte und die bis heute an seiner Seite steht und ihn unterstützt.

Hilfe durch Spezialisten für Infektionskrankheiten und Borreliose

Er gab nicht auf und bemühte sich weiter um Hilfe. „Erst als ich beim Borreliose-Bund anrief, bekam ich die Bestätigung, dass ich kein Einzelfall bin und es vielen so ergeht wie mir, das war ein bisschen meine Rettung“, sagt er heute. Er begann, auch Privatpraxen in Betracht zu ziehen. Im Internet stieß er auf eine Ärztegemeinschaft, die auf Infektionskrankheiten wie Borreliose spezialisiert ist.

Nach ausführlicher Anamnese wurde das Blut dort nochmals untersucht, auf Borrelien und Co-Infektionen. Denn Zecken können mit ihrem Biss auch andere Erreger übertragen. Außerdem können Viren und Bakterien, die sich in geringer Anzahl bereits vor dem Zeckenbiss im Körper aufhalten, Überhand nehmen, wenn das Immunsystem dann durch Borrelien geschwächt wird.

Therapie aus Schulmedizin plus Naturheilkunde

„Bei diesen Untersuchungen stellte sich heraus, dass neben Borrelien auch eine Infektion mit verschiedenen anderen typischen Erregern vorliegt, etwa mit Babesien, Bartonellen, Chlamydien pneumoniae, Mykoplasmen.“ Entsprechend dieser Ergebnisse wurde Yannick ein neuer Behandlungsplan vorgeschlagen. Er besteht zu einem Teil aus drei verschiedenen Antibiotika, zum anderen Teil aus vielen Nahrungsergänzungsmitteln für die Immunabwehr. Dazu gehören Vitamine wie B12, C, D, sowie Selen und Zink, aber auch Algen und Kräuter wie Bärlauch, Brennnessel und weitere, die Leber und Nieren bei der Entgiftung unterstützen sollen.

Seit Kurzem wieder arbeitsfähig

Mit der Behandlung hat sich Yannicks Befinden wesentlich verbessert. „Ich kann sogar wieder 45 Kilometer Fahrrad fahren und bin endlich wieder arbeitsfähig“, freut er sich, auch wenn an Fußball noch nicht zu denken ist. Es ist ihm durchaus bekannt, dass seine Therapie nicht der Borreliose-Behandlung nach den für Deutschland geltenden Leitlinien entspricht, doch er hält sich an die Meinung „wer heilt, hat Recht“.

Drei Wünsche – mehr Therapiefreiheit, mehr Forschung und mehr Kassenleistung

Aufgrund seiner Erfahrungen und angesichts der vielen Betroffenen und Leidensgenossen hat Yannick abschließend drei Wünsche an die Medizin in Deutschland formuliert:

„1. Jeder Arzt sollte selbst entscheiden dürfen, wie er therapiert, ohne Repressalien durch seine Verbände und Vereinigungen befürchten zu müssen.

2. Mehr Forschung für Borreliose. In den USA gibt es einige neue Erkenntnisse, die die Therapie verbessern könnten. So zeigt etwa eine Studie, dass Borrelien im Körper Sporen bilden können, die von Antibiotika nur schwer erreicht werden, etwa mit der üblichen Behandlungsdauer.

3. Ärzte sollten sich nicht über die Borreliose-Therapie streiten. Sie sollten akzeptieren, dass Kollegen andere Wege, als den eigenen gehen. In den USA hat der Gesetzgeber in einigen Bundesstaaten sogar diesen öffentlich ausgetragenen Streit untersagt. Dort übernehmen Krankenversicherungen die Kosten für Behandlungen, wie ich sie bekomme – das wäre auch in Deutschland wünschenswert. Die wichtigsten Daten und Studien liegen dem wissenschaftlichen Dienst des Deutschen Bundestags seit 2017 vor.“

Yannicks Rat an alle Betroffenen lautet außerdem, alles zu hinterfragen, Studien zu lesen, Rat bei Selbsthilfegruppen zu suchen. Er erklärt: „Vertrauen Sie Ihrem Bauchgefühl und Ärzten, die Ihnen wirklich helfen wollen. Fragen Sie sich beispielsweise, ob Sie von diesem Menschen einen Gebrauchtwagen kaufen würden.“

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