Clemens Wendtner war der erste Arzt, der Corona-Infizierte in Deutschland behandelte. Heute hat der Infektiologe fast 50 weitere Sars-CoV-2-Patienten zu versorgen. Viele von ihnen müssen Geräte künstlich beatmen – darunter nicht nur Alte und Vorerkrankte, wie der Mediziner warnt.

„Die Dynamik in den vergangenen Tagen war wahnsinnig“, berichtet Clemens Wendtner im Gespräch mit „Zeit Online“. Der Leiter der Infektiologie am Münchner Klinikum Schwabing behandelt demnach inzwischen knapp 50 Menschen, die schwere Krankheitssymptome in Folge einer Infektion mit dem neuen Coronavirus entwickelt haben. Neun von ihnen liegen derzeit auf der Intensivstation.

Wer nur leichte Symptome zeige, wie etwa die ersten deutschen Corona-Infizierten, die allesamt in Verbindung mit dem Automobilzulieferer Webasto standen, kuriere sich inzwischen zuhause aus und werde nicht mehr stationär betreut, erklärt Wendtner. Im Klinikum Schwabing behandele das Klinikteam heute „nur noch schwere Fälle“.

Klinikpersonal bekommt Crash-Kurse in Beamtungstechnik

Einige von ihnen müssten beatmet werden, Normalstationen seien deshalb bereits zu Beatmungsstationen umfunktioniert worden. Das Krankenhauspersonal erhalte dafür entsprechende Crash-Kurse, so Wendtner. „Natürlich haben alle in ihrer Ausbildung einmal Intensivmedizin gemacht, aber bei vielen ist es eine Weile her. Das wird hier alles – im positiven Sinne – militärisch durchorganisiert und vorbereitet“, beschreibt er die Situation vor Ort.

Unter den Menschen, die Beamtungsmaschinen momentan künstlich beatmen müssen, sind Wendtner zufolge auch junge Menschen „in ihren Zwanzigern und Dreißigern“. Viele Junge, zumal ohne Vorerkrankung, würden sich in einer Sicherheit wiegen, die es nicht gibt. „Die jungen Menschen sind nicht unverwundbar“, warnt der Infektiologe.

Viele der jungen Patienten, die aktuell im Münchner Klinikum behandelt würden, seien zuvor in Ischgl oder St. Anton zum Skifahren gewesen. Insbesondere Ischgl nennt Wendtner im Interview einen „Umschlagplatz für das Virus“.

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Röntgen- und CT-Befunde sind für Diagnostik zentral

Um mit der neuen Masse an Patienten bestmöglich umzugehen, habe man in der Münchner Klinik mittlerweile ein Triage-Zelt aufgebaut, schildert er. Dort könnten Infizierte und Nicht-Infizierte sehr schnell voneinander getrennt werden. Noch diese Woche wolle man zusätzlich eine Art Wohnwagen mit mobilen Röntgen- und CT-Geräten vor dem Zelt installieren – „damit die Covid-Patienten nicht die Geräte im Haus kontaminieren“.

Denn käme eben diesen Geräten in Bezug auf die Covid-19-Erkrankung eine besondere Bedeutung zu: So könnten Ärzte im Röntgen und im Computertomografen sehr schnell sehen, ob jemand Lungenveränderungen zeige, die typisch für die Infektion sind. Das Testergebnis aus dem Labor müsse dann vielfach nicht erst abgewartet werden. Entsprechende Maßnahmen können folglich früher eingeleitet werden.

Bei vielen Patienten mit einer durch das Virus verursachten Lungenentzündung sind laut Wendtner riesige Flächen der Lunge infiziert. „Wir nennen das Milchglastrübungen“, erklärt der Infektiologe gegenüber „Zeit Online“. Diese Bereiche würden auf dem Röntgenbild weißlich getrübt scheinen, „wie Milchglas eben“.

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„Das ist hier schon ein sehr wuchtiges Geschehen“

Ärzte werten das als ein Zeichen für entzündetes Gewebe, erklärt der Münchner Chefarzt den medizinischen Hintergrund. So stark wie bei den Covid-19-Erkrankten sei dieser Effekt jedoch selten ausgeprägt. „Da ist mal ein Lungensegment betroffen, aber nie die ganze Lunge. Das ist hier schon ein sehr wuchtiges Geschehen.“

In der Folge fällt vielen Patienten das Atmen schwer, im schlimmsten Fall müssen sie wie die Münchner Patienten intubiert und künstlich beamtet werden – teilweise bis zu drei Wochen, wie Wendtner sagt.   
 

Auch würden viele Menschen – wie aktuell vielfach in italienischen Krankenhäusern zu sehen – während der Behandlung zeitweise auf den Bauch gedreht, um ihre Lungen zu entlasten und sicherzustellen, dass die Luft aus den Geräten bis in die unteren Lungenabschnitte fließt. Dafür setze das Klinikum Schwabing spezielle Wende-Teams ein, die die Patienten regelmäßig drehten. Denn würden sie den ganzen Tag in Bauchlage verbringen, wäre das ihrem Gesundheitszustand ebenfalls wenig zuträglich, so Wentnder.

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Im ersten Schritt rettet das den Patienten das Leben. Doch könne das Beatmen unter Umständen auch zu Langzeitschäden führen. „Manche sind danach vielleicht sogar im Alltag auf Sauerstoff angewiesen“, sagt der Mediziner. „Und ja, das kann auch jungen Menschen passieren.“

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