In Japan hat sich das Blatt gewendet. Noch im Sommer kämpfte das Land mit hohen Infektionszahlen jenseits der 30.000. Die spät gestartete Impfkampagne konnte die rasante Virusverbreitung nicht aufhalten, das Gesundheitssystem galt monatelang als kollabiert. Und dann gab es da noch Olympia. Vielen Japanerinnen und Japanern waren die Spiele in Tokio ein Dorn im Auge. Nicht nur weil sie fürchteten, dass das Riesen-Event die Corona-Zahlen noch weiter in die Höhe treiben würden, sondern auch, weil sie den deswegen verhängten Lockdown satthatten. 

Doch während andere Länder, wie Deutschland, derzeit schon wieder mit der nächsten Welle kämpfen, ist die Lage in Japan inzwischen geradezu entspannt. Das öffentliche Leben ist in vollem Gange, fast alle Maßnahmen wurden zurückgenommen. Mitte November meldete der Staat mit 126 Millionen Einwohnern weniger als 80 Neuinfektionen am Tag. Wie hat Japan das geschafft?

Japan


Zwei Europäer in Nagano – und die Besonderheit Olympischer Spiele in Japan

Vorsichtige Impf-Aufholjagd: Mit Struktur und Anreizen

Die Antwort lautet: mit einer rekordverdächtigen Aufholjagd beim Impfen. Als die USA und Europa bereits Ende 2020 die ersten Impfstoffe zuließen und ihre Kampagnen starteten, trat Japan erst mal auf die Bremse. Angesichts der weitverbreiteten Impfskepsis im Land, beschloss die Regierung, die Impfstoffe selbst erneut zu prüfen ehe sie die Zulassung genehmigte. So kam die Impfkampagne erst im Februar ins Rollen, im Frühsommer war noch nicht mal ein Drittel der Bevölkerung geimpft.

Was international als Impfversagen kritisiert wurde, erwies sich in Japan als kluger Schachzug. Das vorsichtige Handeln der Regierung, ließ bei vielen Japanerinnen und Japanern das Vertrauen in die Impfung steigen. Auch eine groß angelegte Werbekampagne mit Impfaufrufen von prominenten Persönlichkeiten aus Fernsehen, Musik und Sport trug dazu bei, ebenso wie die gut strukturierte Kampagne selbst. Mithilfe des Militärs wurden im ganzen Land provisorische Impfzentren errichtet, sodass zuletzt kaum noch Wartezeiten nötig waren. An guten Tagen lassen sich hier täglich mehr als eine Million Menschen impfen. Viele japanische Großunternehmen bieten ihren Beschäftigten ebenfalls die Spritze an. 

Zudem setzt die Regierung auf die bewährte Zuckerbrot-Methode: In der alten Kaiserstadt Kyoto erhalten Impfwillige beispielsweise freien Eintritt in ein beliebtes Manga-Museum: Nach der Impfung am Eingang dürfen sie dort bis zum Abend bleiben. Auch Restaurants, Läden und Kultureinrichtungen locken Geimpfte mit einer Vielzahl an Gutscheinen, Rabatten und Verlosungen. 




Verbreitung von Corona-Variante


Wo Omikron schon überall aufgetaucht ist

Sozialer Druck auf Ungeimpfte wirkt

Im Gegensatz zu Deutschland war die Corona-Impfung in Japan nie Gegenstand hitziger politischer Debatten. Stattdessen wurde die Impfkampagne durch innere und äußere Faktoren positiv beeinflusst: Einerseits von der politischen Kultur, die großen Wert auf Konsens legt, andererseits durch den hohen sozialen Druck in der Gesellschaft, den Empfehlungen der Regierung zu folgen. Auch die abschreckenden Nachrichten über hohe Sterberaten in anderen Ländern motivierten besonders die vielen älteren Menschen für eine Impfung. 

Zudem gehörten in Japan Maßnahmen wie Maskentragen und Abstandsregeln – die in anderen Ländern für viel Diskussion sorgten – schon vor Pandemiebeginn zum Alltag: Eine Maskenpflicht musste gar nicht erst eingeführt werden, da das Tragen von Mund-Nasen-Schutz gerade im Winter weit verbreitet ist. Social Distancing ist der japanischen Kultur ebenfalls nicht fremd – auch aus Respekt gegenüber anderen. Viele entschieden sich schließlich aus Angst vor Ausgrenzung für die Impfung und wollten mit dem Nachweis zeigen, dass man sie nicht meiden muss.

Innerhalb eines halben Jahres hat sich Japan damit von einem der hinteren Plätze auf die Spitzenposition im Kreis der G7 katapultiert. Rund 77 Prozent der Bevölkerung sind inzwischen vollständig geimpft – die Erstgeimpften-Quote liegt bei knapp 80 Prozent. Damit hat das Land selbst Kanada (76,2 Prozent) überholt, während Deutschland (68 Prozent) weiter auf den hinteren Rängen dümpelt.

Corona-Politik


Die vierte Welle kam nicht überraschend. Virologen sagten sie vor Monaten voraus. Chronik eines Staatsversagens

„Sechste Welle ist Frage des Wann als des Ob“

Im Dezember will Japan dann mit den Auffrischungsimpfungen starten. Wenn das Tempo beibehalten wird, dürfte die Bevölkerung schon bald durchgeboostert sein. Dennoch warnen Gesundheitsexperten mit der kalten Jahreszeit vor einem ähnlichen Anstieg wie im vergangenen Jahr. Auch Japan müsse im Winter wieder mit zunehmenden Infektionen rechnen, sagte der nationale Chef-Epidemiologe Kenji Shibuya im Interview mit der "Wirtschaftswoche".

Sorge bereitet auch der erste nachgewiesene Fall der Omikron-Variante im Land. Ein Besucher, der am Sonntag aus Namibia auf dem Narita-Flughafen nahe Tokio angekommen war, wurde positiv auf die neue Corona-Mutation getestet. Japan reagierte prompt mit einem erneuten Einreiseverbot für Ausländer. Die Maßnahme soll Ministerpräsident Fumio Kishida zufolge mindestens einen Monat gelten. Zudem plant die Regierung, die Kapazität für Intensivbetten um rund 30 Prozent auszubauen, die Anzahl der Pflegekräfte zu erhöhen und mehr Daten zu sammeln, um schneller vorherzusagen zu können, wann Krankenhäuser unter Druck geraten.

"Eine sechste Welle ist eher eine Frage des Wann als des Ob", ist sich auch Yuki Furuse, Professor an der Universität Kyoto, sicher, der ein solches Vorhersagetool entwickelt hat. "Da die aktuelle Situation in Japan ruhig ist, scheint es in Ordnung zu sein, jetzt einige Beschränkungen aufzuheben. Ich mache mir jedoch Sorgen, ob die Menschen wieder in einen 'freiwilligen Selbstbeschränkungs-Zustand' zurückkehren können, wenn es nötig wird ", fügte er hinzu.

Fest steht, kaum ein Land wäre derzeit besser gegen eine sechste Welle gewappnet, als Japan.

Quellen: "Tagesschau", "FAZ", RND, mit Reuters und DPA-Material

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