Thomas Mertens, Chef der Ständigen Impfkommission, würde sein Kind derzeit nicht mit dem bereits für die Zulassung empfohlenen Kinder-Impfstoff von Biontech/Pfizer impfen lassen. Damit sendet er ein fatales Signal – und schürt völlig unnötig Ängste unter Eltern im Land.

Ob sich Stiko-Chef Thomas Mertens seiner Verantwortung bewusst ist? Mittlerweile lässt sich diese Frage relativ eindeutig beantworten: Offensichtlich nicht. Bereits vor zwei Wochen, als Deutschland ganz nebenbei im TV davon erfuhr, wie es bei den Booster-Impfungen weitergehen würde, sorgte Mertens für – drücken wir es vorsichtig aus – Verwunderung. Weder sein Plauderton noch das TV-Studio als Ort der Bekanntgabe entsprachen der Dimension dieser weitreichenden Entscheidung.

Stiko-Chef und die Kinder-Impfung: Diesmal ist der Schaden größer

Allerdings: Damals ging es "lediglich" um schlechten Stil. Bei Mertens jüngster Entgleisung ist der Schaden leider deutlich größer. Seine Aussage in der „FAZ“, er würde sein eigenes Kind derzeit nicht mit dem bereits von der europäische Arzneimittelbehörde (EMA) zur Zulassung empfohlenen Biontech-Impfstoff für Fünf- bis Zwölfjährige impfen lassen, ist vor allem ein brandgefährliches Spiel mit dem Vertrauen vieler Eltern in die Impfung. Es spielt kaum eine Rolle, was Mertens später dann noch an Argumenten aufführte.

Nur eine fatale Botschaft verfängt: Diesem Impfstoff kann man nach Meinung des obersten Impf-Experten Deutschlands nicht uneingeschränkt vertrauen.  

In einer Zeit, in der Deutschland mitten in der vierten Welle steckt und die Inzidenzen in den Altersgruppen der Fünf- bis Neunjährigen sowie der Zehn- bis 14-Jährigen laut RKI zuletzt bei über 800 bzw. 900 lagen, fällt Mertens der Impfkampagne der Politik geradezu in den Rücken. Dabei müsste doch gerade er es besser wissen! Er müsste wissen, dass Vertrauen beim Impfen das höchste Gut ist. Welchen Wert aber hat eine Stiko-Empfehlung noch, die Mertens um den 11. Dezember erwartet, wenn der Chef des Gremiums das Vakzin schon im Vorfeld schlechtgeredet hat?

Dramatisch ist vor allem mit welcher Leichtfertigkeit der Stiko-Chef seine Aussage offenbar trifft. Der Kinder-Impfstoff von Biontech/Pfizer hat alle notwendigen klinischen Testphasen durchlaufen und wurde sowohl von der EMA als auch der US-Arzneimittelbehörde (FDA) freigegeben. Gerade im Vergleich zur FDA, die der Dynamik der Pandemie deutlich besser gewachsen zu sein scheint, hechelte die Stiko bei früheren Entscheidungen deutlich hinterher. Sie prüfte und prüfte, nur um am Ende zu  denselben Ergebnissen zu kommen.

Im Fall des Kinder-Impfstoffs argumentiert Mertens unter anderem mit fehlenden Daten aus Israel und den USA, wo Kinder bereits immunisiert werden. Weil Corona-Infektionen bei Kindern in der Regel harmlos verlaufen würden, müsse man umso sicherer sein, dass die Impfung auf Dauer gut verträglich sei. Auch Langzeitschäden bei Kindern in der jungen Altersgruppe durch Corona seien, argumentiert Mertens, bislang kaum bekannt. Ebenso sei immer noch zu klären, was die Impfung der jungen Altersgruppe für das Fortschreiten der Pandemie bedeute.

Corona-Infektion besser für Kinder als Impfung? Eine brandgefährliche Annahme

Das sehen viele allerdings anders. Der Leiter für Impfstoffstrategie der Europäischen Arzneimittelagentur, Marco Cavaleri, sagte erst vergangene Woche: "Auch Kinder können von gesundheitlichen Langzeitfolgen nach einer Erkrankung an Covid-19 betroffen sein. Das ist erwiesen, aber wir glauben, dass wir da bisher nur die Spitze des Eisbergs sehen, und auch noch sehr wenig über Long Covid bei Kindern und Jugendlichen wissen. Deshalb bin ich sehr froh, dass das Vakzin von BionTech/Pfizer ab heute auch für Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren zugelassen ist.“

Und auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach widersprach zuletzt heftig der Annahme, wonach eine Corona-Infektion für Kinder besser sei als die Impfung. Genau diese Überlegung stellt Mertens jedoch an.

Es ist nicht neu, dass die Meinungen zu wissenschaftlichen Fragen in der Corona-Krise auseinandergehen. Doch im Fall der Kinder-Impfung gibt es ganz klar belastbare Fakten: Die Ergebnisse der Zulassungsstudie sind eindeutig: Der Kinder-Impfstoff ist nach Einschätzung von EMA und FDA sicher. Das kann der Chef der deutschen Impfkommission nicht einfach unter den Tisch fallen lassen und zum Teil vollkommen gegensätzliche Thesen äußern.

In einer Zeit, in der viele Menschen äußerst sensibel auf Experten-Meinungen reagieren, kann, ja muss man von Thomas Mertens mehr Sensibilität erwarten. Unbedachte Aussagen, die völlig unnötig Angst und Misstrauen in der Bevölkerung erzeugen, kann und darf er sich nicht mehr leisten.

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