Angesichts steigender Infektionszahlen in der Stadt Tübingen ist es unklar, ob das Modellprojekt dort weiter fortgesetzt wird. Auch im Umfeld von Oberbürgermeister Boris Palmer wachsen die Zweifel. Die Pandemiebeauftragte Lisa Federle beschreibt die Lage in der Stadt als „furchtbar“.

Boris Palmer (Grüne) wollte zeigen, dass es auch ohne einen harten Lockdown geht. Als Oberbürgermeister von Tübingen verordnete er der Stadt ein Experiment. Testen statt schließen, so die oberste Prämisse. Doch der Modellversuch könnte bereits in wenigen Tagen für gescheitert erklärt werden.

Aktuelle Zahlen deuten darauf hin, dass die Marke von 100 bei der 7-Tage-Inzidenz in der Stadt Tübingen nun überschritten wurde – im Landkreis war die Marke ohnehin schon längst gerissen worden. In der letzten offiziellen Angabe vom Mittwoch lag der Inzidenzwert noch bei 89,6, doch am Donnerstag veröffentlichte das Landratsamt Tübingen neue Zahlen für den Landkreis, aus denen hervorgeht, dass allein in der Stadt Tübingen 105 Neuinfektionen binnen einer Woche nachgewiesen wurden. Landratsamt Tübingen

Bei knapp 89.000 Einwohnern in der Universitätsstadt wäre die 100er-Marke somit überschritten. Eine Woche zuvor hatte das Landratsamt für die Stadt noch lediglich 32 Neuinfektionen gemeldet. Das Infektionsgeschehen hat sich somit binnen einer Woche mehr als verdreifacht.

Ob das Tübinger Corona-Modellprojekt wie geplant bis Mitte April fortgesetzt wird, ist nun unklar. Auch Beteiligte gehen zunehmend auf Distanz zum Projekt.

„Ich war selbst in der Stadt, es war furchtbar“

Die Tübinger Pandemiebeauftragte und Notärztin Lisa Federle äußerte sich skeptisch. „Ich war selbst in der Stadt, es war furchtbar“, sagt sie in dieser Woche bezogen auf die Menschenansammlungen in Tübingen zum Nachrichtensender „Welt“.

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Die Zahlen in Tübingen bewegten sich zwar lange deutlich unter dem Landesdurchschnitt, doch nun ist die Notärztin besorgt: „Wir haben dermaßen viele Touristen hier, die sich teilweise auch nicht an die Abstandsregeln oder Maskenpflicht usw. gehalten haben – und das geht einfach nicht.“ Außerdem müssten sich die Touristen nur testen lassen, wenn sie in Cafés sitzen oder in Läden gehen wollten. Holten sie sich nur einen Kaffee to go, gelte die Testregel nicht. Stiegen die Zahlen weiter, sollte das Projekt aus ihrer Sicht pausieren. „Wir kriegen das Tourismus-Problem nicht in den Griff“, sagte Federle auch gegenüber der dpa.

Palmer sieht verschiedene Ursachen für Anstieg

Boris Palmer hielt im ZDF-Interview am Donnerstag allerdings weiterhin an dem Projekt fest: „Wir sind in Deutschland sehr schnell mit so einem Urteil: Erst wird es als bundesweit vorbildlich gelobt. Jetzt werde ich gefragt, ob alles gescheitert ist. Richtig wäre es, sich einmal die Zahlen genauer anzuschauen. Die formale Inzidenz von Tübingen kann man mit dem Rest der Republik nicht mehr vergleichen. Denn: Wer viel testet, findet viel.“

Für Palmer hat der Anstieg der Zahlen in Tübingen verschiedene Gründe:

  • Sehr viele Tests (ohne die Infektionen gar nicht entdeckt worden wären)
  • Ein Ausbruch in der Landeserstaufnahmestelle für Geflüchtete
  • Das in ganz Deutschland steigende Infektionsgeschehen.

Auf die Aussage seiner Pandemiebeauftragten Federle angesprochen, sagt Palmer im ZDF-Interview, erst seit vergangenem Montag tummelten sich so viele Menschen in der Stadt, daher schlage sich das in der Inzidenz noch nicht nieder. Mittlerweile gibt es für Auswärtige keine Tagestickets mehr für die Stadt an den Teststationen. Diese Regelung gilt bis Ostermontag.

 

Für einen Abbruch des Projekts sieht Palmer derzeit allerdings keinen Grund. Am vergangenen Mittwoch sagte er, die Stadt werde die Lage bis zum Ostermontag beobachten und einen Tag später dem Gesundheitsministerium berichten. 

Keine Ausweitung der Modellprojekte

Dort sagte ein Sprecher bereits: „Sollte Tübingen weiterhin steigende Inzidenzen haben und stabil auf die 100 zugehen beziehungsweise diese Marke pro 100.000 Einwohner sogar überschreiten, muss geprüft werden, inwieweit das Projekt ausgesetzt werden muss.“ Vor diesem Hintergrund und auch aufgrund der steigenden Infektionszahlen mitten in der dritten Pandemiewelle denke das Ministerium momentan auch nicht an die Ausweisung weiterer Modellprojekte.

Selbst wenn das Projekt abgebrochen oder ausgesetzt werden sollte, sieht Pandemiebeauftrage Federle darin kein Scheitern. „Meine Intention war es, den Menschen einen anderen Weg aufzuzeigen. Ich bin mir sicher, dass es bundesweit eine Teststrategie geben wird, damit wir nicht in die nächste Welle unvorbereitet hineinrauschen“.

Modellversuch besteht seit 16. März

Seit dem 16. März gibt es das Modellprojekt „Öffenen mit Sicherheit“ in Tübingen. Sein Ziel: Herauszufinden, was der intensive Einsatz von Schnelltests ermöglicht – und, ob durch den Einsatz Infektionen auf geringem Niveau gehalten werden können.

Das Modellprojekt basiert darauf, dass sich Menschen an mehreren Stationen in der Stadt kostenlos testen lassen. Die Bescheinigung eines negativen Testergebnisse ermöglicht unter anderem:

  • Ohne Terminvereinbarung in Läden einzukaufen
  • In der Außengastronomie dürfen bis zu fünf Personen aus zwei Haushalten an einem Tisch sitzen
  • Museen, Kinos, Theater und andere Kultureinrichtungen dürfen unter Einhaltung von Abstands- und Maskenpflicht besucht werden

Kontrolliert wird von den Geschäften und Einrichtungen jeweils am Eingang – per QR-Code, der an den Teststationen vergeben wird. Diese befinden sich im gesamten Innenstadtbereich von Tübingen. Wissenschaftlich begleitet wird der Modellversuch von der Universität Tübingen.

Drosten plädiert für Abbruchkriterien

Dass eine solche wissenschaftliche Begleitung unbedingt notwendig ist, darauf wies auch der Berliner Virologe Christian Drosten hin. Das Ziel, Menschen zu motivieren sich testen zu lassen und etwa einkaufen zu gehen, sei vorerst gut. Das sollte man punktuell durchaus mal ausprobieren. Wichtig seien aber auch Abbruchkriterien und eine Vergleichsstadt ohne Modellprojekt.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach forderte einen Stopp solcher Versuche wie in Tübingen. „Sie geben das falsche Signal“, schrieb Lauterbach am Dienstag auf Twitter. Das Tübinger Projekt zeige, dass unsystematisches Testen mit Öffnungsstrategien die schwere dritte Corona-Welle nicht aufhalten werde. „Testen statt Lockdown“ ist Wunschdenken, genau wie „Abnehmen durch Essen“.

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