Weniger Krebsbehandlungen wegen Coronavirus

Krebsbetroffene erhielten seit Beginn der Corona-Pandemie deutlich weniger Operationen, Bestrahlungen und systemische Therapien als vor dem Ausbruch. Dies zeigt eine weltweite Umfrage unter Onkologinnen und Onkologen, von denen zwei Drittel angaben, dass derzeit eine Unterversorgung von Krebspatientinnen und -patienten vorherrsche.

Forschende um Dr. Guy Jerusalem von der belgischen Universität Liège trugen Daten zur aktuellen weltweiten Krebsversorgung zusammen, um festzustellen, wie stark die Coronavirus-Pandemie die Krebsbehandlung beeinträchtigt. Dabei zeigte sich, dass auch nach dem Lockdown in den meisten westlichen Ländern nicht nur chirurgische Eingriffe zurückgestellt wurden, sondern auch Chemo- und Radiotherapien sowie palliative Behandlungen. Die Daten wurden erstmals auf dem Kongress der European Society of Medical Oncology (ESMO) vorgestellt.

Enormer Rückstand in der Krebsversorgung

Verzögerungen und Absagen von Krebsbehandlungen zur Aufrechterhaltung der Versorgung von COVID-19-Betroffenen haben zu einem enormen Rückstand in der onkologischen Versorgung und Forschung geführt, berichtet die Arbeitsgruppe. „Wie groß das Risiko tatsächlich ist, wird sich erst in Zukunft zeigen, wenn robustere Ergebnisse aus Studien und Registern vorliegen“, betont Dr. Stefan Zimmermann, Pressesprecher der ESMO.

Unterbehandlung und Rückgang klinischer Studien

Das Forschungsteam führte Umfragen beim Gesundheitspersonal in 109 onkologischen Zentren in 18 Ländern durch. 60,9 Prozent der Befragten gaben an, dass die klinische Aktivität in Bezug auf Krebs während der Pandemie zurückgegangen sei. Fast zwei Drittel (64,2 Prozent) berichten von einer Unterbehandlung. 37 Prozent bemerkten zudem einen deutlichen Rückgang von forschenden Aktivitäten und klinischen Studien.

Krebsoperationen am meisten beeinträchtigt

Der Studie zur Folge wurden in 44,1 Prozent aller befragten Zentren Krebsoperationen abgesagt oder verschoben. In jedem vierten Zentrum (25,7 Prozent) wurden weniger Chemotherapien durchgeführt und in mehr als jeder achten Klinik (13,7 Prozent) weniger Strahlentherapien. Zudem beendete rund ein Drittel aller Krankenhäuser (32,1 Prozent) die Palliativpflege früher.

Einschränkungen blieben nach dem Lockdown bestehen

„Wir Onkologen haben erwartet, dass sich nach Beendigung eines Lockdowns die Versorgung von Krebspatienten in den jeweiligen Ländern rasch wieder normalisiert“, erläutert Jerusalem. Diese Erwartung habe sich jedoch nicht erfüllt. Es müsse davon ausgegangen werden, dass die COVID-19-Pandemie Langzeitfolgen in der Krebsversorgung haben wird. Dies gelte nicht nur für Erkrankte, sondern auch für Ärztinnen und Ärzte, die weniger Weiterbildungen wahrnehmen und weniger klinische Studien durchführen konnten.

„COVID-19 hat einen großen Einfluss auf die Organisation der Patientenversorgung, auf das Wohlbefinden des Pflegepersonals und auf die Aktivitäten im Rahmen klinischer Studien gehabt“, unterstreicht Studienautor Dr. Guy Jerusalem die Ergebnisse. Es bestehe die Gefahr, dass die Diagnose neuer Krebsfälle verzögert wird und dass bei mehr Patientinnen und Patienten die Krebserkrankung erst in einem späteren Stadium diagnostiziert wird.

COVID-19 deckt Schwächen in der Krebsversorgung auf

„Im Moment ist es legitim, sich zu fragen, ob es über COVID-19 hinaus noch andere Faktoren gibt, die die Onkologie derzeit belasten, da die Pandemie auch einige Schwächen in der Finanzierung und Organisation der Krebsversorgung offenbart hat“, ergänzt Zimmermann. Vor der Pandemie wurde die Krebsbelastung in Europa vom European Cancer Information System (ECIS) auf 2,7 Millionen Neuerkrankungen und 1,3 Millionen Todesfälle für das Jahr 2020 geschätzt.

„Schon vor der Pandemie nahm der Druck auf das Gesundheitspersonal und die Gesundheitssysteme infolge der wachsenden Krebsbelastung in Europa und weltweit zu“, fügt Dr. Rosa Giuliani von der ESMO hinzu. Auf die steigenden Zahlen müsste mit geeigneten Präventionsmaßnahmen und der Bereitstellung der notwendigen Ressourcen reagiert werden, mahnen die Krebsexpertinnen und -experten.

Fachkräfte in der Onkologie von Burnout bedroht

Eine weitere Umfrage der ESMO Resilience Task Force, die im Mai 2020 durchführt wurde, zeigte darüber hinaus, dass die Erschöpfung bei Fachkräften in der Onkologie zunimmt. 38 Prozent der 1.520 Teilnehmenden gaben an, Symptome eines Burnouts zu verspüren. Zwei Drittel der Befragten berichten, dass sie ihre Aufgaben nicht mehr so gut erfüllen können, wie vor der Pandemie. (vb)

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