In Hamm steigt der Neuinfektionswert auf den höchsten Wert bundesweit. Nun greifen dort neue Maßnahmen einer Corona-Bremse. Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann ist maßlos verärgert. Er lässt seiner Wut über eine Hochzeitsgesellschaft in einem Interview freien Lauf und will rechtliche Schritte prüfen. Indes sind mehr als 2500 Leute in Quarantäne.

In der Stadt Hamm mit den bundesweit höchsten Corona-Neuinfektionszahlen klettert der Wert weiter. Nachdem am Mittwoch mit 94,9 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner binnen sieben Tagen bereits ein bundesweiter Spitzenwert verzeichnet wurde, stieg die Zahl am Donnerstag weiter auf 95,5.

Am Dienstag hatte die 182.000-Einwohner-Stadt bei dieser zentralen sogenannten Sieben-Tage-Inzidenz noch 87,1 genannt. Laut Robert-Koch-Institut lag Hamm am Mittwoch deutschlandweit mit einem gestiegenen Wert von 80,4 an der Spitze. Die Differenz kommt durch unterschiedliche Meldewege und -zeiten zustande.

Stadt will rechtliche Schritte prüfen

Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann (CDU) zeigte sich stark verärgert: Der Schaden für die Stadt sei durch eine einzige Hochzeitsfeier vor gut drei Wochen entstanden. „Wir werden hier mit allen rechtlichen Möglichkeiten, die wir haben, auch in Regress gehen“, betonte er in einer Video-Botschaft am Montag.

"Ich bin wütend über diesen Vorfall. Eine einzige Familie hat die ganze Stadt in diese Situation gebracht und setzt damit das Zusammenleben der unterschiedlichen landsmännischen Gruppen unter Stress", erklärte er zudem in einem Interview mit der "WAZ".

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Bei Henna-Fest vor Hochzeit feierten bereits zwei infizierte Frauen – 2500 Menschen in Quarantäne

Als Auslöser der dortigen Corona-Welle gilt eine Großhochzeit und damit verbundene weitere Feste, die Anfang September in Hamm und Dortmund und eine Woche später in Werl stattgefunden hatten. Bei der türkischen Großhochzeit haben am Vorabend bei einem sogenannten Henna-Fest 46 Frauen zusammen gefeiert. Später stellte sich heraus, dass zwei Frauen bereits mit dem Coronavirus infiziert waren. 

Insgesamt waren bei der Großhochzeit dann mindestens 309 Teilnehmer aus Hamm gewesen, die alle in Quarantäne müssen und getestet werden. Mindestens 100 Infektionen konnten nach der Hochzeit festgestellt werden. Wie der "Westfälische Anzeiger" berichtet, betrage der Anteil der Feiergäste und ihres Umfelds an den Gesamtinfizierten derzeit rund 75 Prozent. Doch damit nicht genug: Insgesamt elf Schulen seien betroffen, berichtet die Zeitung weiter. Damit befänden sich rund 2500 Menschen nun in Quarantäne, aktuell gebe es 196 Infizierte in Hamm.

„Die haben sich verhalten, als ob es Corona nicht gäbe“

„Wir sind dabei herauszufinden, wer die Verantwortlichen sind und prüfen, wie wir sie zur Rechenschaft ziehen können“, erläuterte ein Sprecher der Stadt. Das gelte vor allem für das Brautpaar und den Betreiber der Lokalität in Hamm. Bußgelder oder Schadenersatz seien denkbar. Der Oberbürgermeister stellte klar: „Es kann nicht sein, dass eine kleine Gruppe im Grunde anschließend das Leben einer ganzen Stadt erheblich beeinträchtigt." Im "Bild"-Interview sagt er weiter: "Dieser Ausbruch hat uns überrollt und es macht mich auch wütend. Denn beim Henna-Fest sind die Mindestabstände garantiert nicht eingehalten worden."

  dpa/Friso Gentsch/dpabild Thomas Hunsteger-Petermann (CDU) spricht bei einer Veranstaltung.

In einem Interview mit dem „Spiegel“ legte er nach: „Weil eine Handvoll Feiernder jeglichen Anstand, Abstand und auch ihre Masken zur Seite gelegt hat, leiden jetzt 180.000 Menschen darunter. Die haben sich verhalten, als ob es Corona nicht gäbe. Das darf nicht sein.“

151 Infizierte seien in Hamm insgesamt zu verzeichnen, sagte der Oberbürgermeister und es könnten noch mehr werden, sobald alle Verdachtsfälle nachverfolgt seien: „Und das alles wegen einer einzigen Familienfeier. Natürlich bin ich wütend.“ Der CDU-Politiker macht dem Brautpaar heftige Vorwürfe: „Wir können fast alle Infektionen darauf zurückführen. Das Schlimmste ist aber eigentlich, dass besagte Feier schon vor drei Wochen stattgefunden hat. Das macht die Rückverfolgung unglaublich schwer.“

Kontaktnachverfolgung erschwert – Beteiligte mauern

Hunsteger-Petermann beschreibt im Interview mit dem Nachrichtenmagazin, was alles schieflief: „Ausgangspunkt war wohl ein Junggesellinnenabschied, bei dem sehr eng getanzt und auch Tränen vergossen wurden. Anschließend gab es dann die eigentliche Hochzeitsfeier mit mehreren Hundert Gästen, bei der man sich ebenfalls nicht an Abstands- und Hygieneregeln gehalten hat.“ Das habe Corona-Übertragungen in großer Zahl ermöglicht, so der OB weiter. dpa In der Stadt Hamm mit den bundesweit höchsten Corona-Neuinfektionszahlen klettert der Wert weiter.

Die Infektionszahlen steigen immer weiter und die Stadt steht vor einem weiteren Problem: Der Kontaktnachverfolgung. "Niemand benennt hier Ross und Reiter", sagte Stadtsprecher Tom Herberg noch am Dienstag nach Angaben des "Westfälischen Anzeigers". "Kontakt- und Anwesenheitslisten passten beispielsweise nicht zusammen." Und auch die städtischen Mitarbeiter, die an dem Fall arbeiten, würden wenig Hilfsbereitschaft seitens der Beteiligten begegnen, heißt es weiter. Die Zeitung spricht gar davon, dass "massiv gemauert" werde.

Hamm verschärft Corona-Regeln nach Ausbruch

In Hamm dürfen sich seit Mittwoch zum Schutz gegen die Pandemie im öffentlichen Raum nur noch fünf Personen oder Personen aus zwei Haushalten gemeinsam aufhalten. Schüler und Lehrer in weiterführenden Schulen müssen auch im Unterricht einen Mund-Nasen-Schutz tragen, sofern ein Mindestabstand von 1,50 Metern nicht gesichert ist. Die am Dienstag beschlossenen Auflagen gelten zunächst für zwei Wochen. "Uns hat dieser Ausbruch überrollt", sagt der Oberbürgermeister von Hamm im "Bild"-Interview.

Zudem gilt: Private Feiern müssen zwei Wochen vorher angemeldet und dann auch genehmigt werden. Zur Eindämmung der Corona-Welle in Hamm hat die Stadt nach Angaben des Oberbürgermeisters schon dreiprivate Feiern untersagt. Es handele sich um zweiJunggesellinnenabschiede und eine Verlobungsfeier. Grundlage der Untersagung sind dieBestimmungen der neuen Allgemeinverfügung der Stadt. Die Verfügung sieht fürprivate Feiern mit 51 bis 150 Teilnehmern eine Genehmigungspflichtvor. Feiern mit 25 bis 50 Teilnehmern müssen angezeigt werden. LautOberbürgermeister Hunsteger-Petermann lagen bis Donnerstagmittag bereits mehr als 70Anträge und Anzeigen vor.

Der Stadtsprecher sagte: „Wir gehen davon aus, dass die Menschen die Maßnahmen mittragen.“ Man stecke in einer „Extremsituation“. Weitere Schritte wolle man aber zunächst nicht ergreifen – sofern es nicht einen „erneuten großen Peak“ gebe. Die Stadt hoffe, bis Mitte nächster Woche über den Berg zu sein.

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