Wissenschaftler der großen deutschen Wissenschaftsorganisationen haben davor gewarnt, dass die Lockerung der Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus zu früh erfolgt sei. Anhand von Computermodellen zeigen sie, welche Folgen das haben kann – und wie wir jetzt noch gegensteuern können.

Bereits im April hatten Forscher der vier großen deutschen Wissenschaftsorganisationen – Fraunhofer-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft, Leibniz-Gemeinschaft und Max-Planck-Gesellschaft ein Modell vorgestellt, mit dem sie die Wirkung der Maßnahmen der Bundesregierung in Reaktion auf die Ausbreitung von Sars-CoV-2 untersucht hatten.

Nach ihrer Analyse lassen sich anhand der gemeldeten Infektionszahlen in Deutschland drei Zeitpunkte, sogenannte „Change Points“ erkennen, an denen die Ausbreitung von Sars-CoV-2 jeweils wirksam reduziert wurde:

Zeitpunkt 1: Um den 9. März. Zu diesem Zeitpunkt wurden Großveranstaltungen wie Messen und Fußballspiele verboten. Die Ausbreitungsrate halbierte sich fast.

Zeitpunkt 2: Um den 16. März. Die Ausbreitungsrate sank um weitere 40 Prozent. Schulen, Kindergärten und die meisten Geschäfte wurden geschlossen.

Zeitpunkt 3: Um den 23. März. Die Ausbreitungsrate halbierte sich erneut. In dieser Phase wurden die Kontaktbeschränkungen eingeführt.

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Forscher warnen: Lockerungen kommen zu schnell

In einem Ende April veröffentlichten Statement skizzieren die Forscher eine mögliche Strategie zur Eindämmung des Virus. Viele von ihnen äußerten sich inzwischen kritisch gegenüber den beschlossenen Lockerungen – sie fürchten, dass sie die durch die Maßnahmen erzielten Erfolge beeinträchtigen könnten.

​Die Kontaktbeschränkungen rund um Covid-19 haben der Simulation zufolge die gefürchtete exponentielle Ausbreitung des Virus gebrochen. „Wir sehen eine klare Wirkung der Kontaktsperre vom 22. März, und natürlich den Beitrag von jeder einzelnen Person“, sagte Viola Priesemann, Leiterin eines Forschungsteams des Max-Planck-Instituts und eine der Autorinnen noch im April. „Unsere Gesellschaft kann wirklich stolz darauf sein, dass sie diese Wende geschafft hat.“

Doch auch sie betrachtet die erfolgten Lockerungen mit Skepsis. Ihre Modellierungen haben zwar gezeigt, dass die im März beschlossenen Maßnahmenpakete die Reproduktionszahl jeweils um etwa 40 Prozent reduziert haben, doch: „Nun gehen viele Menschen wieder in Restaurants, ins Fitnessstudio, man trifft sich wieder mehr. Das eröffnet dem Virus neue Ausbreitungswege. Der genaue Verlauf aber ist sehr schwer vorauszusagen, eben weil das Verhalten der Menschen eine große Rolle spielt“, sagte sie etwa in einem Interview mit der „Welt“.

Lockerungen mögen kurzfristig erfolgreich sein – auf lange Sicht hätten Forscher sich anderes Vorgehen gewünscht

Priesemann erklärt, dass die Lockerungen durchaus kurzfristige Vorteile erzielen könnten. „Ich glaube aber nicht, dass der Bevölkerung und vielen Politikern überhaupt bewusst war, dass wir auch die Chance hätten, eine langfristig stabile Situation zu erreichen – und somit ein weitgehend normales Leben. Nun hat man sich für Lockerungen entschieden, ohne aber zu verstehen, was man damit eigentlich riskiert: dass man die bisherigen Erfolge der Eindämmung verspielt und es dann wieder deutlich länger dauert bis eine stabile Lage erreicht ist.“

Schon ein kleiner Anstieg in der Wachstumsrate könnte die Dynamik hin zu einem instabilen Zustand mit exponentiellem Wachstum verändern. Deshalb müsse man einen wachsamen Blick auf die Neuinfektionen haben. Schließlich sei man etwa „zwei Wochen blind“ für eventuell sich verschlimmernde Zustände. Verpasse man dann den Moment auf Messers Schneide könne ein umso schnellerer exponentieller Anstieg folgen. Darum geben die Wissenschaftler zu bedenken: „Es ist wichtig, nur über Lockerungen der Restriktionen nachzudenken, wenn die Zahl der aktiven Fälle so niedrig ist, dass ein Zwei-Wochen-Anstieg das Gesundheitswesen nicht vor ernsthafte Probleme stellt.“

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  • Viola Priesemann sagte auf einer Pressekonferenz, der sinnvollste Wert, auf den man sich konzentrieren könnte, sei nicht 50 oder 30 oder 100 Neuinfektionen pro 100.000 Menschen, „sondern wirklich die Null“, um eine stabile Situation zu bekommen. Nur Covid-19-frei könne man das gesellschaftliche Leben ohne Sorge wieder hochfahren. Das sei auch dann sinnvoll, wenn man die Kollateralschäden betrachtet – zum Beispiel die wirtschaftlichen.

    Testen und Nachverfolgen: So könnte ein optimales Corona-Szenario aussehen

    Priesemann schlägt deshalb vor: Um die Ausbreitung vollständig unter Kontrolle zu bringen, ist es notwendig, dass jede einzelne Infektionskette nachverfolgt wird. Dabei sollte man laut der Physikerin den Fokus auf solche Neuinfektionen legen, die unerwartet auftreten, die sich also nicht auf eine bekannte Infektionskette zurückführen lassen. „Eigentlich sind nur solche Ansteckungen wichtig, um zu bewerten, wie gut die Epidemie unter Kontrolle ist. Infektionen von Menschen, die schon in Quarantäne sind, wenn sie Symptome entwickeln, braucht man nicht auf die 50 anzurechnen. Diese Menschen sind für das Infektionsgeschehen fast irrelevant, weil sie mit großer Sicherheit keine weiteren Personen anstecken“, sagte sie der „Welt“.

    Es sei wichtig, die Zahl der Neuinfektionen so weit zu drücken, dass eine lückenlose Kontaktverfolgung möglich ist. Zusätzlich sollte weiter intensiv getestet werden, um keine Infektion zu übersehen.

    Lockerungen im Computermodell: bis zu 6000 Neuinfektionen möglich

    Priesemann und das Wissenschaftlerteam haben mithilfe ihres Modells nun auch Szenarien entwickelt, zu denen die Lockerungen führen könnten. Im optimistischsten Szenario wird angenommen, dass trotz gelockerter Restriktionen kein Anstieg der Ansteckungsrate erfolgt. Diesem Szenario liegt die Überlegung zu Grunde, dass die Kontaktnachverfolgung und das Aufspüren neuer Infektionsherde so erfolgreich sein könnte, dass sie die Ausbreitung zurückdrängen, obwohl die Maßnahmen gelockert wurden. Max Planck Institut für Dynamik und Selbstorganisation Drei mögliche Szenarien für die Entwicklung der Neuinfektionen nach den Lockerungen von Restriktionen zum 11. Mai.

    Im pessimistischen Szenario wird jedoch angenommen, dass sich die Infektionsrate in etwa verdoppelt. Das kann durch eine Verdopplung der Kontakte auf der Arbeit, im öffentlichen Raum und im Freundeskreis geschehen. Ebenso kann weniger Vorsicht bei den einzelnen Kontakten dazu beitragen. Bei einer Verdopplung der Infektionsrate kommt es zu einem erneuten exponentiellen Anstieg. Bis Juli wären dann wieder rund 6000 Neuinfektionen pro Tag zu verzeichnen.

    Das könnte laut Priesemann allerdings verhindert werden: mit einer lückenlosen Nachverfolgung. Damit könnte man die Neuinfektionen „im Prinzip auf Null bringen.“

    Zweite Welle ist möglich – aber Deutschland kann sich vorbereiten

    Eine zweite Welle hält die Physikerin aber ohnehin für sehr wahrscheinlich, wie sie im „Welt“-Interview erklärt. Grund für diesen Pessimismus seien die Lockerungen, die aktuelle Lage. Gleichzeitig stehe sie der zweiten Welle aber optimistisch gegenüber: „Immerhin wissen wir dann, dass die Welle wieder zurückgedrängt werden kann. Mich hat beeindruckt, wie gut uns das beim ersten Mal gelungen ist.“

    Über Zeitpunkt und Stärke der nächsten Welle lasse sich allerdings nur spekulieren: „Viel wird davon abhängen, ob die Menschen auch jetzt in den Zeiten der Lockerungen weiter Abstand wahren und Hygieneregeln einhalten.“

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