Positive Auswirkungen durch Alkoholkonsum?

Es ist bekannt, dass ein hoher Konsum von alkoholischen Getränken der Gesundheit schadet und das Risiko für diverse Erkrankungen erhöht. Andererseits gibt es aber auch immer wieder Hinweise aus wissenschaftlichen Untersuchungen, die darauf hindeuten, dass es gesund sei, etwa täglich ein Glas Rotwein zu trinken. Eine neue Studie kommt nun zu dem Schluss, dass leichter Alkoholkonsum einen positiven Einfluss auf die kognitiven Funktionen haben könnte.

Wie die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN) in einer aktuellen Mitteilung schreibt, kommt eine große populationsbasierte, prospektive Kohortenstudie aus den USA zu dem Ergebnis, dass ein geringer bis moderater Alkoholkonsum einen positiven Einfluss auf die kognitive Funktion zu haben scheint. Laut dem DGN-Generalsekretär Professor Peter Berlit könnte der Effekt möglicherweise gefäßvermittelt sein. Dennoch sollten die Daten aber mit der für Assoziationsstudien notwendigen Vorsicht interpretiert werden.

Worterinnerung, Wortschatz und mentaler Status

Die in der Fachzeitschrift „JAMA Network Open“ veröffentlichte Studie, die die Daten von fast 20.000 Menschen aus den USA auswertete, brachte ein interessantes Ergebnis. Es handelte sich um eine Sekundäranalyse der „Health and Retirement Studie“ (HRS), deren Teilnehmende seit 1992 alle zwei Jahre allgemeinmedizinisch untersucht werden.

Die vorliegende Analyse wertete Daten der dritten Erhebungswelle (1996 und später) aus und schloss nur Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer ein, die mindestens drei zweijährliche Gesundheitschecks durchlaufen hatten.

Bei allen Probandinnen und Probanden, die bei Einschluss 65 Jahre und älter waren, wurden seit Beginn der HRS auch kognitive Funktionstests durchgeführt. Ab 1998 wurden diese Tests dann bei allen Studienteilnehmenden unabhängig vom Alter vorgenommen.

Dabei wurden insgesamt drei Domänen evaluiert: Die Worterinnerung, der Wortschatz sowie der sogenannte mentale Status. Dieser umfasst verschiedene kognitive Fähigkeiten wie beispielsweise Gedächtnisleistung, Konzentrationsfähigkeit, Orientierung, Urteilsvermögen und mathematische Fähigkeiten.

Wie die DGN erklärt, war Ziel der aktuellen Auswertung, zu erheben, welchen Einfluss ein geringer bis moderater Alkoholkonsum auf die kognitive Funktion hat und ob er zu einer Veränderung der kognitiven Funktion zwischen mittlerer Lebensphase und Alter führt.

Geringer bis moderater Alkoholkonsum wurde in der Untersuchung definiert als weniger als acht Drinks pro Woche bei Frauen und weniger als 15 Drinks pro Woche bei Männern (im Kontext wissenschaftlicher Studien ist mit einem Drink ein kleines Glas Wein (150 ml) oder Bier (350 ml) gemeint).

Studienteilnehmerinnen und Studienteilnehmer mit diesem Trinkverhalten wurden hinsichtlich der Entwicklung ihrer kognitiven Funktion mit Nicht-Trinkenden und stark Trinkenden verglichen. Die ausgewertete Kohorte bestand insgesamt aus 19.887 Studienteilnehmenden, die im Durchschnitt 61,8 Jahre alt waren. Über 60 Prozent waren Frauen und mehr als 85 Prozent waren weiß.

Die Dosis macht das Gift

Den Angaben zufolge zeigte sich im Ergebnis, dass geringer bis moderater Alkoholkonsum mit einer höheren kognitiven Funktionskurve und einem geringeren kognitiven Abbaurate einherging.

Die Wahrscheinlichkeit für einen kognitiven Abbau war bei ihnen im Vergleich zu Abstinenzlerinnen und Abstinenzlern um 34 Prozent geringer (OR: 0,66), auch die Unterschiede zwischen den Gruppen im Hinblick auf mentalen Status, Worterinnerung und Wortschatz waren signifikant – die moderaten Trinkenden waren den Nicht-Trinkenden bei den Testergebnissen überlegen.

Der jährliche kognitive Funktionsverlust war in der Gruppe mit maßvollem Alkoholkonsum laut der Mitteilung signifikant niedriger. Dieser Zusammenhang war bei Personen weißer Hautfarbe besonders deutlich ausgeprägt. Allerdings bestand zwischen Alkoholkonsum und kognitiver Funktion eine klare U-Kurven-Beziehung: Bei schwer Trinkenden nahm die kognitive Funktion rasant ab.

„Auch in dieser Studie zeigt sich also, dass die Dosis das Gift macht. Alkohol ist letztlich ein Zellgift, auf das Nerven- und Gehirnzellen besonders empfindlich reagieren. Übermäßiger Alkoholkonsum schädigt nicht nur die Leber, sondern kann zu lebensgefährlichen neurologischen Folgen führen“, warnt Professor Dr. Peter Berlit, Generalsekretär der DGN. Der Experte möchte diese Studie daher keinesfalls als Freibrief für den ungezügelten Alkoholkonsum verstanden wissen.

Assoziationsstudien haben keine Beweiskraft

Dennoch bleibt die Frage offen, weshalb ein geringer bis moderater Alkoholkonsum für die kognitive Funktion zuträglich sein könnte. „Dieser positive Effekt des moderaten Alkoholkonsums ist wahrscheinlich gefäßvermittelt“, so der Experte.

Assoziationsstudien haben zum Beispiel gezeigt, dass ein Glas Rotwein pro Tag mit einem geringeren kardiovaskulären Risiko einhergeht, also gefäßprotektiv wirken könnte. Vermutet werden antioxidative sowie anti-thrombotische und vasodilatierende Effekte und auch positive Effekte auf den Lipidstoffwechsel durch Anhebung des HDL-Cholesterins.

Dennoch müsse Berlit zufolge betont werden, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen moderatem Alkoholkonsum und positiven Effekten auf die Gefäß- und Gehirngesundheit bislang nicht nachgewiesen wurde, da Assoziationsstudien grundsätzlich keine Beweiskraft haben.

„Wenn aber die Hypothese, dass ein maßvoller Alkoholkonsum eine gefäßschützende Wirkung hat, stimmt, wäre leicht zu erklären, warum er sich auch günstig auf die kognitive Funktion auswirken könnte. Ein großer Teil aller Demenzen wird durch Gefäßschäden mitverursacht, wir sprechen von einer vaskulären kognitiven Beeinträchtigung. Alles, was die Gefäßgesundheit erhält – Reduktion von Übergewicht, Bewegung, gesunde Kost und Senkung eines zu hohen Blutdrucks, schützt vor einer Demenz.“ (ad)

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