Frauen wird gern nachgesagt, im Bett so kompliziert zu sein: Stundenlange Massagen, Kerzenschein und gefühlsduselige Musik seien nötig, um sie auch nur ansatzweise in die richtige Stimmung zu versetzen – und dann reiche eine falsche Bewegung, um dieses Gesamtkunstwerk zu zerstören.

Von Null auf Hundert in 30 Sekunden funktioniert einfach nicht, der Orgasmus ist ohne Klitoris-Stimulation für die meisten Frauen so unerreichbar wie das Nasenloch für den großen Zeh, und selbst wenn der Gipfel fast erklommen ist, kann aus dem Nichts der Gedanke „Ich wollte die Wäsche doch vor dem Schlafengehen noch in den Trockner tun“ ins Gehirn schießen und jede Erregung zunichte machen.

Mit Druckwellen zum Orgasmus

Seit 2014 gibt es ein Sexspielzeug für Frauen, das ihnen eine Art Instant-Orgasmus verschaffen soll. Um dieses Gerät zu entwickeln, das alle Frauen zum schnellen Höhepunkt bringen soll, hat der niederbayerische Tüftler Michael Lenke etwas so Einfaches wie Geniales getan: Er hat sich mit seiner Frau unterhalten.

Brigitte Lenke hat daher all die Bemühungen ihres Mannes, dem weiblichen Orgasmus mit Hilfe von Technik auf die Spur zu kommen, am eigenen Leib getestet. An den Prototypen, der aus einer Aquariumpumpe mit Schlauch und Saugnapf bestand, hat sie noch schmerzhafte Erinnerungen. Doch am Ende der gemeinsamen Recherche stand ein Gerät, das aktuell als Kassenschlager unter den Sextoys gilt: der Womanizer.

„Orgasmus ist ein Menschenrecht“, meint Frauenversteher Lenke, der für den Womanizer einen völlig neuen Ansatz oder sagen wir besser Aufsatz erfand: einen Silikonstöpsel, der über die Klitoris gelegt wird und diese dann völlig berührungslos nur mit Hilfe von Druckwellen stimuliert. Oder um es für Loriot-Fans auf den Punkt zu bringen: Es saugt und bläst der Heinzelmann, wo Vati sonst nur blasen kann.

Klitorismassage als Therapie

Dass es mit der Entwicklung eines solchen Gerätes so lange gedauert hat, ist erstaunlich. Denn schon die ägyptische Königin Kleopatra soll auf dem Feld der Selbstbefriedigung ideenreich gewesen sein: Der Legende nach hat sie zur Erregung eine mit Bienen gefüllte Papyrustüte gegen ihren Unterleib gepresst. War die Traumfrau der Antike also die eigentliche Erfinderin des Vibrators? Zumindest ist die Vorstellung passend – auch wenn historische Quellen fehlen – und die Geschichte ein gutes Beispiel dafür, dass die wenigsten Frauen durch reine Penetration zum Höhepunkt kommen, sondern die Klitoris die Musik macht.

Die wundersame Wirkung einer Genitalmassage ist Medizinern tatsächlich lange bekannt: Bereits zu Hippokrates‘ Zeiten und bis in die 1920er Jahre wurde sie als Therapie Frauen offiziell verordnet, schreibt die Historikerin Rachel P. Maines in „The Technology of Orgasm“. Allerdings ging es bei der Behandlung nicht um Sex, sondern um die Heilung der Hysterie, die als typische Frauenkrankheit galt. Den Ursprung für dieses nervöse Leiden witterten die Männer im weiblichen Unterleib, der Fachbegriff leitet sich vom griechischen „hystéra“ ab, was einfach Gebärmutter bedeutet.

Das weibliche Geschlecht würde durch eine zeitaufwändige Klitorismassage von der Hysterie befreit werden, dachten europäische Ärzte im 19. Jahrhundert, und während die Frauen jauchzten und die Wartezimmer immer voller wurden, litten die Mediziner schon bald unter schmerzenden Handgelenken. Erleichterung verschaffte beiden Geschlechtern im Jahr 1883 schließlich „Granvilles Hammer“, eine Erfindung des Engländers Mortimer Granville und nichts anderes als der erste elektrische Vibrator.

Womanizer + Thermomix…?

Im 20. Jahrhundert mussten Sextoys ihr Dasein noch im Verborgenen fristen, einige kamen sogar mit einem Spezial-Anschluss für Küchengeräte daher, um dadurch eine offizielle Daseinsberechtigung zu erhalten. Das wäre ungefähr so, als würde der Womanizer tagsüber scheinheilig den Thermomix antreiben.

Spätestens seit der US-Kultserie „Sex and the City“ ist der Vibrator aber eher ein It-Piece als ein Tabuteil, und ein Blick auf die Internetseiten der Sextoy-Anbieter bestätigt diese Beobachtung. Hier werden Frauen als neue und offensichtlich sehr zahlungswillige Zielgruppe nach allen Regeln der Kunst bespielt: Produkte für die Bedürfnisse der weiblichen Kundschaft soweit der Scrollbalken reicht, vom Auflegevibrator über den Massagestab bis hin zu Vibro-Eiern. „Was summt und brummt steht höher im Kurs als die stillen Freudenbringer“, sagt Susanne Gahr, Pressesprecherin beim Hersteller Orion.

Doch auch die guten alten Dildos sind zu haben. Immerhin versetzten sie sogar Archäologen in Aufregung, weil entsprechende Steinzeit-Funde Rückschlüsse darauf zulassen, was unsere Vorfahren in den Höhlen getrieben haben könnten. Orion etwa bietet sogenannte Naturdildos mit markanten Adern und griffigem Hodenansatz an. Kundinnen des Erotikhändlers Amorelie hingegen bevorzugen offenbar ein buntes und nur entfernt an einen Penis erinnerndes Modell – aktuell ist jedoch der Womanizer der absolute Bestseller.

Gibt es eine Orgasmusgarantie?

Das Gerät wird von den Händlern sogar mit einer Orgasmusgarantie beworben, 98 Prozent der Frauen kämen innerhalb kürzester Zeit zum Höhepunkt, heißt es. Auf Nachfrage, wie viele Frauen ihr Geld zurückverlangen würden, heißt es, dies würde zwar vorkommen, sei aber höchst selten der Fall. Frauen würden allerdings manchmal bemängeln, dass es ihnen mit dem Womanizer zu schnell gehe.

Was für eine schöne neue Welt, in der Frauen sich beklagen, zu schnell zum Orgasmus zu kommen! Ein Druckwellenvibrator ermöglicht es Frauen, sich zwischen Umsatzsteuervoranmeldung und Zahnsteinentfernung einen Orgasmus zu besorgen, ohne vorher auch nur ansatzweise Lust verspüren zu müssen. Mit anderen und leider etwas derben Worten: Die Frau kann sich wie der Mann mal eben schnell einen runterholen, nicht mehr und nicht weniger.

Ersetzt das Sextoy den Mann?

Und doch lohnt es sich, an dieser Stelle das Sextoy noch kurz im Schrank zu lassen und weiterzuschreiben, denn es gibt ein paar interessante Fragen: Ist es erstrebenswert, mit technischer Hilfe den kleinen Hunger zwischendurch zu stillen? Ist es womöglich sogar ein Akt der Emanzipation, dass der Orgasmus für die Frau so schnell zu erreichen ist wie für den Mann?

Vermutlich werden an dieser Stelle – gern männliche – Stimmen laut, die von Sexspielzeug abraten: Man könne süchtig danach werden und müsse stattdessen lernen, sich selbst und den anderen zu spüren und zu lieben, sagen vielleicht die einen, kurz bevor sie zum Tantrayoga aufbrechen. Der gröber gestrickte Rest sorgt sich möglicherweise einfach darum, aussortiert und von einem quietschbunten, akkubetriebenen Objekt ersetzt zu werden, das nicht einmal nach einem Körperteil aussieht. Kurz gefasst: Wird ganz „normaler“ Sex langweilig?

Ganz so schlimm ist und wird es nun auch wieder nicht. Um den Gewöhnungseffekt von dauermasturbierenden Jungen in der Pubertät sorgt sich schließlich auch keiner mehr. Vielleicht hat die eine oder andere einfach etwas aufzuholen oder möchte ihren Körper weiter erforschen. Die Technik hilft dabei – egal in welchem Alter. Außerdem kann man es auch so sehen: Zusammen ist man weniger allein, und geteilte Lust ist doppelte Lust – ob mit oder ohne Spielzeug.

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