Wer abends Hunger hat und sich noch schnell die Nudeln von gestern aus dem Kühlschrank holen und warm machen will, der könnte bald folgende Szene erleben: Ein kleiner Bildschirm an der Innenseite der Tür begrüßt den Hungrigen mit Namen. Dann blinkt ein kleines Lämpchen auf, es piepst. Alarm! „Tagesdosis an Kohlenhydraten überschritten, Empfehlung: Gemüsepfanne. Achtung: Nicht übermäßig salzen!“

Wie? Keine Nudeln? Und nicht mal Salz? Der Kühlschrank weiß, welche Nährstoffe in welchen Mengen für seinen Besitzer gut sind? Ja, zumindest, wenn er richtig programmiert ist. Und vor allem: wenn er die Gene seines Besitzers kennt.

So jedenfalls stellen es sich einige Forscher und Pharmaunternehmen vor, die den Zusammenhang zwischen Ernährung, Nahrungsverwertung und Erbanlagen untersuchen. Nutrigenetik heißt dieser Forschungszweig. Grundidee: Die DNA entscheidet darüber, ob wir etwa Milch gut vertragen oder ob uns Eier bekommen.

Gene entscheiden, wer anfälliger für Übergewicht ist

22.500 Gene besitzt der Mensch. Dabei unterscheidet sich das Genmaterial zweier Individuen nur um 0,3 Prozent. Doch dieser kleine Unterschied entscheidet darüber, wer eine Glatze bekommt, wer Plattfüße hat und wer ein besonders strahlendes Lächeln. Nutrigenetiker gehen davon aus, dass sie außerdem steuern, wie gut der Körper die Nahrung verwertet und welcher Mensch anfälliger für Übergewicht ist.

Folgt man den Ergebnissen einer Studie des Bundesamtes für Statistik, hatten 2017 rund 53 Prozent der Erwachsenen in Deutschland zu viel auf den Rippen. Und 16 Prozent waren sogar adipös, also stark übergewichtig. Und auch in anderen westlichen Industrienationen steigt die Zahl der Adipösen.

Der Grund: zu großes Nahrungsangebot und zu wenig Bewegung. Dennoch: Es gibt Menschen, die sich strikt an die Ernährungsvorgaben des Gesundheitsministeriums halten und trotzdem zunehmen. Andere belegen sich die Pizza noch mit extra Käse – und bleiben gertenschlank.

Nutrigenetiker glauben, dass diese Unterschiede in den Genen verankert sind – und machen erstaunliche Entdeckungen. Erforscht ist mittlerweile beispielsweise das sogenannte FTO-Gen. Dabei handelt es sich um eine lange Serie von Nukleotiden im 16. Chromosom. Man ging lange davon aus, dass es das Hungergefühl im Gehirn steuert. Zuletzt stellten Forscher in Boston allerdings fest, dass das FTO-Gen vielmehr dafür verantwortlich ist, ob Fettzellen Fette vermehrt verbrennen oder speichern. Der Grund dafür ist in unserer tierischen Vergangenheit zu finden: Eine erhöhte FTO-Aktivität sorgte in besonders kalten Zeiten dafür, dass unsere Fettpolster dick und wärmespeichernd waren. Die Evolution arbeitet eben ziemlich langsam.



Zahlreiche solcher Verknüpfungen zwischen dem Genom und unserer Ernährung wurden bereits entschlüsselt. Die Hoffnung der Wissenschaftler: dass sich aus einem Genprofil individuelle Ernährungsempfehlungen ableiten lassen.

Nicht nur die Wissenschaft setzt große Hoffnung in die Nutrigenetik. Auch einige Unternehmen sehen hier neue Geschäftschancen. Denn wer sich den eigenen Genen gemäß ernähren will, muss erst einmal wissen, welche Gene er überhaupt hat. Bei Ärztinnen, Apothekern und Fitnesstrainern kann man den erforderlichen Speicheltest erwerben. Konzerne wie Genetic Balance aus Würzburg oder GoCAP aus Köln versprechen etwa „nicht 08/15, sondern 100% du!“-Diäten.

Das „Bodykey“-Programm von Nutrilite ist verknüpft mit diversen Nahrungsergänzungsmitteln, die zur empfohlenen Diät passen. Der wissenschaftliche Anstrich, den sich solche Unternehmen auf ihren Websites geben, hat dabei eine ähnliche Werbewirkung wie die Laboratmosphäre in der Zahnpastareklame.

Die Proben werden meist auf wenige Gene untersucht, aus denen Schlüsse auf die passenden Lebensmittel gezogen werden. Der Kunde findet sich dann häufig in einer von mehreren Kategorien wieder, deren Richtlinien vom Unternehmen ganz klar aufgeschlüsselt sind. Daran hält man sich dann oder eben nicht. Aber so ist das mit jeder Diät.

Verbraucherzentrale skeptisch

Die Verbraucherzentrale honoriert zwar die Bemühungen, eine individuelle Diät anzubieten. Doch sie warnt auch vor allzu großer Euphorie: Zu komplex ist unsere DNA, als dass einzelne Gene ausreichten, um Rückschlüsse auf den kompletten Stoffwechsel zu ziehen. Gene beeinflussen sich gegenseitig. Eine Mahlzeit bestehe zudem selbst aus Millionen von Bestandteilen. Es sei noch viel zu früh, um daraus ein umfassendes Ernährungskonzept abzuleiten, so die Verbraucherschützer.

Wie gefährlich die Folgen einer vorschnellen Analyse sein können, zeigt sich bei einem Gen namens MTHFR. Bei jedem zehnten Menschen lässt sich hier eine Mutation feststellen, die dazu führt, dass das Vitamin Folsäure vom Körper nicht besonders gut aufgenommen wird. Chronische Schmerzen, schwere Müdigkeit und Depressionen können die Folge sein. Einem solchen Betroffenen würde man womöglich ein Nahrungsergänzungsmittel anbieten. Neue Erkenntnisse zeigen aber, dass ein Überschuss von Folsäure bei diesen Menschen die Tumorbildung begünstigt. Eine genauere Forschung ist also oft noch nötig.

Nutrigenetik ist noch eine sehr junge Wissenschaft, schon deshalb, weil das Erbgut des Menschen erst vor 19 Jahren entschlüsselt wurde. Entsprechend wenig erforscht sind die DNA-Diäten. Solange das so ist, kann man sich auch selbst einen Zettel an die Kühlschranktür hängen, der einen ermahnt, auf die Kalorienzufuhr zu achten.

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